„Ich finde einfach keine Motivation."
Warum Motivation kein Schatz ist, den man findet, sondern ein Zustand, den man erzeugt
Es gibt einen Satz, der früher oder später bei fast jedem einmal kommt – denn ein Motivationstief kennt jeder. Ich höre ihn vor allem in jenen Phasen, in denen Klienten ihre neu gewonnenen Routinen aus dem Blick verloren haben: wenn nach einem intensiven Start der Alltag einkehrt, die jungen Gewohnheiten noch nicht gefestigt sind und man vielleicht ein Stück vom neu eingeschlagenen Weg abgekommen ist. Dann fällt er, fast entschuldigend: „Ich finde einfach keine Motivation." Der Satz klingt harmlos. Doch in seinem Wortlaut steckt eine ganze Weltanschauung.
Vor allem das Wort finden errichtet eine ganze Kulisse, die ich immer sehr deutlich vor mir sehe. Da begibt sich jemand auf die Suche, öffnet eine Schublade nach der anderen, sucht in jeder Ecke – in der Hoffnung, die Motivation läge irgendwo bereit, wie ein Topf voll Gold am Ende des Regenbogens. Findet er sie, läuft alles wie von selbst. Findet er sie nicht, bleibt eben alles, wie es ist. Es ist eine fast romantische Vorstellung: Motivation als glücklicher Fund, dem man mit etwas Geduld und gutem Willen schon begegnen werde.
Die Fehlannahme steckt im Wort
Wer Motivation sucht, hat sich – meist ohne es zu bemerken – in eine passive Rolle begeben. Er sucht und hofft. Die Annahme dahinter: Motivation existiere irgendwo da draußen, unabhängig von ihm, kostbar und selten wie ein Diamant, den es nur aufzuspüren gelte. Und wie bei jeder Suche gibt es zwei mögliche Ausgänge – man findet, oder man findet nicht.
Der Ausgang aber ist fast immer der gleiche. Egal, wie gründlich gesucht wird: Die Motivation ist nirgends zu finden. Nicht, weil derjenige zu wenig suchte, sondern weil sie an dem Ort, an dem er sie vermutet, schlicht nicht liegt.
In diesem Suchen verbirgt sich noch ein zweiter, leiserer Gedanke: Andere haben Motivation, ich habe sie nicht. Als sei sie eine Eigenschaft, ein Besitz, ungleich verteilt – die einen damit ausgestattet, die anderen nicht. Genau diese Vorstellung lähmt. Denn was man nicht hat und anderswo vermutet, kann man entweder nur finden oder verfehlen. Einen anderen Weg lässt dieses Bild nicht zu.
Motivation wird nicht gefunden, sie wird erzeugt
Meine Haltung ist eine grundlegend andere – und sie verschiebt die gesamte Logik. Motivation ist kein Fundstück. Sie ist ein Ergebnis. Etwas, das man nicht findet, sondern aktiv erzeugt.
Diese Unterscheidung ist kein Wortspiel. Sie verändert die Position, aus der heraus man handelt. Wer Motivation findet, wartet. Wer sie erzeugt, beginnt. Der eine bleibt abhängig vom Zufall, der andere übernimmt die Verantwortung für seinen eigenen Antrieb. Und genau dieser Wechsel – von der suchenden in die schaffende Haltung – ist der eigentliche Hebel.
Damit ist viel gewonnen – und doch ist Motivation nicht alles. Sie ist nicht das Fundament, auf dem dauerhafte Veränderung ruht, sondern eine Kraft, die an zwei Stellen über den Erfolg entscheidet. Es lohnt, diese beiden genau zu unterscheiden.
Die Richtung der Motivation entscheidet: weg von oder hin zu
Motivation kennt zwei Richtungen, und jede hat ihre Zeit. Die eine treibt von etwas weg: weg vom Übergewicht, weg vom Schmerz, weg von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Spiegelbild. Die andere zieht zu etwas hin: hin zur Leistungsfähigkeit, hin zu einem Körper, der den eigenen Ansprüchen genügt, hin zu einem Leben, das man führen will.
Die Weg-von-Motivation ist die kurzfristig stärkere. Sie ist ein mächtiger Zünder, eine treibende Kraft für Veränderung – und sie lässt sich bewusst nutzen, um überhaupt in Bewegung zu kommen, um sich aus einer Situation herauszuarbeiten. Ihr Nachteil: Sobald der Leidensdruck nachlässt, verliert sie ihre Kraft. Sie bringt mich los, aber sie hält mich nicht. Wer hier aufhört, verbleibt im Motivationsvakuum.
Die Hin-zu-Motivation zündet langsamer, doch sie gibt dem Handeln auf Dauer seine Richtung. Sie speist sich nicht aus dem, wovor man fliehen will, sondern aus dem, was man anstrebt.
Der erste Schritt besteht darin, die anfängliche Flucht in ein klares Ziel zu überführen – die kurzfristige Weg-von-Kraft in eine langfristige Hin-zu-Richtung zu lenken.
Was uns wirklich antreibt
Damit sind wir bei der Frage, woraus sich Antrieb überhaupt speist. Der Psychologe David McClelland hat dafür ein bis heute tragfähiges Modell geliefert. Er beschreibt drei grundlegende Motive, die menschliches Handeln bestimmen – unterschiedlich stark ausgeprägt von Mensch zu Mensch.
Das Leistungsmotiv richtet sich nach innen: etwas meistern, besser werden, an selbstgesetzten Maßstäben wachsen. Das Machtmotiv richtet sich nach außen: Einfluss nehmen, auf andere wirken, im eigenen Umfeld etwas bewegen. Das Anschlussmotiv sucht Nähe: Zugehörigkeit, Verbundenheit, den Halt einer Gemeinschaft. Keines ist besser als das andere – sie ziehen nur in verschiedene Richtungen.
Praktisch heißt das: Wer sein dominierendes Motiv kennt, kann seine Ziele so anlegen, dass sie tragen. Den Leistungsmotivierten überzeugen messbare Fortschritte und neue Bestmarken – er will sich selbst übertreffen. Den Machtmotivierten erreicht man über den Einfluss nach außen: ein sichtbar trainierter Körper ist für ihn Grundlage von Wirkung – und zugleich Träger von Status und Prestige, ein Mittel, Anerkennung zu gewinnen und im eigenen Umfeld Geltung zu behaupten. Den Anschlussmotivierten trägt das Miteinander: Wer stark gemeinschaftsorientiert ist, hält allein auf Dauer schlecht durch und bleibt dabei, wenn andere mitziehen – während jemand, dem dieses Motiv fehlt, zum Beispiel in einer Mannschaftssportart eher fremdelt als Halt findet.
Wer seine Ziele gegen sein Grundmotiv formuliert, kämpft gegen sich selbst – und nennt das Ergebnis oftmals „fehlende Motivation".
Klarheit erzeugt Motivation fast von allein
Und hier liegt für mich der eigentliche Kern. In sehr vielen Fällen ist fehlende Motivation in Wahrheit fehlende Klarheit. Wer nicht genau weiß, was er will – und vor allem: warum –, dem fehlt nicht der Antrieb, sondern das Ziel, auf das der Antrieb sich richten könnte.
Ich erlebe immer wieder, dass Motivation fast von selbst entsteht, sobald jemand wirklich Klarheit darüber gewinnt, was ihm im Leben wichtig ist. Nicht, weil sich an seinen Umständen etwas geändert hätte, sondern weil sich das diffuse „Ich sollte mal" in ein präzises „Ich will" verwandelt. Sobald das Ziel scharf wird, wird der Weg dorthin selbstverständlicher.
Das ist der Grund, warum der erste Schritt nie das Suchen ist, sondern das Klären. Weg von der Frage „Wo finde ich Motivation?", hin zu der Frage „Was genau will ich – und wofür?" Wer diese Frage ehrlich beantwortet, muss anschließend selten lange nach Antrieb suchen.
Aus Motivation wird Routine
Doch auf lange Sicht reicht selbst die klarste Richtung nicht. Sie ist der Kompass, aber definitiv nicht der Treibstoff für jeden einzelnen Tag. Denn Motivation bleibt ein Zustand, und Zustände schwanken. Sie hängen vom Schlaf ab, vom Termindruck, von der Stimmung im Umfeld, von der inneren Verfassung, die selten zwei Tage hintereinander die gleiche ist. Wer sein Handeln allein an die Motivation koppelt, baut auf einen unzuverlässigen Untergrund. Die Routine dagegen ersetzt die tägliche Verhandlung durch eine bereits getroffene Entscheidung.
Nun ist Motivation durchaus aktivierbar – durch ein gezieltes Zustandsmanagement, also die Fähigkeit, den eigenen inneren Zustand willentlich zu steuern, statt ihm ausgeliefert zu sein. Doch auch das bleibt eine aktive Tätigkeit, und sie hat eine Voraussetzung: Ich muss im richtigen Moment überhaupt erst bemerken, dass ich mich in einen besseren Zustand versetzen könnte. Und genau dieses Bemerken stellt sich oft nicht von allein ein – es bedarf jahrelanger Übung und eines ausgeprägten Metabewusstseins. Die Routine verlangt es nicht – sie trägt, ob ich an sie denke oder nicht. Deshalb schlägt die Routine die Motivation – immer.
Sie schafft zudem etwas, das die Motivation aus sich heraus nie hervorbringt. Wer wartet, bis er motiviert ist, handelt unregelmäßig; wer routiniert handelt, erzeugt Erfolge. Und der sichtbare Erfolg ist, wie ich es täglich beobachte, die stärkste Motivation überhaupt – nur entsteht er nicht aus ihr, sondern aus der Routine, die ihr vorausgeht.
Ein Zustand, den man bewusst erzeugt
Bleibt der praktische Teil. Wenn Motivation ein Zustand ist, dann lässt sie sich auch herbeiführen – nicht erhoffen, sondern aktiv erzeugen. In meiner Arbeit nutze ich dafür Methoden aus dem neuromentalen Training, die genau hier ansetzen: am bewussten Hervorrufen eines motivierten Zustands.
Eine einfache, wirksame Technik ist das Erinnern und Verstärken eines Moments echten Antriebs. Fast jeder Mensch kennt einen Augenblick, in dem er voller Energie und Entschlossenheit war – ein Ziel erreicht, eine Hürde genommen, einen Zustand vollständiger Klarheit erlebt. Diesen Moment ruft man nicht nur als Erinnerung ab, sondern stellt ihn so plastisch wie möglich wieder her: das Bild, die Geräusche, das Gefühl, die Körperhaltung von damals. Was dabei geschieht, ist keine Esoterik, sondern schlichte Psychophysiologie – der Körper folgt dem inneren Bild. Mit etwas Übung lässt sich dieser Zustand verankern und jederzeit bewusst abrufen, statt auf ihn zu warten.
Der Punkt ist jedoch nicht die Anwendung einer Technik. Der Punkt ist die zugrunde liegende Haltung: Ich bin meinem inneren Zustand nicht ausgeliefert. Ich kann ihn gestalten.
"Fit & Gefragt" ist die Kolumne von Hannes Rehbein – Heilpraktiker, Personal Trainer und Gründer von Rehbein personal coaching. Sie erscheint regelmäßig und beantwortet Fragen aus dem Fitnessalltag – wissenschaftlich fundiert, praxisnah und ohne Halbwahrheiten.
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