„Wo bleibt denn da die Lebensfreude?"
Es gibt eine Frage, die mir in Beratungsgesprächen zur Ernährung mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit begegnet. Kaum habe ich erläutert, warum eine Reduktion von Alkohol, Zucker sowie stärke- und getreidehaltigen Produkten der entscheidende Hebel für eine dauerhafte Körperfettreduktion ist – kaum ist der physiologische Zusammenhang zwischen Insulinausschüttung, Blutzuckerschwankungen und Fettspeicherung erklärt – kommt sie: „Ja, aber wo bleibt denn da die Lebensfreude?"
Ich beantworte diese Frage nicht mit einer Gegenfrage. Ich beantworte sie mit einer Pause.
Denn das, was hinter diesem Satz steckt, verdient mehr als eine Antwort auf Ernährungsebene.
Was der Satz wirklich sagt
Die Aussage klingt spontan und harmlos. Bei näherer Betrachtung ist sie es nicht. Sie verrät, wie tief die emotionale Bindung an bestimmte Lebensmittel reicht – und wie sehr Konzepte wie Genuss, Entspannung, Belohnung und Lebensqualität in weiten Teilen unserer Gesellschaft an Essen und Trinken geknüpft sind. Nicht an Bewegung. Nicht an Stille. Nicht an Verbundenheit, Schlaf, Natur oder Körpergefühl. Sondern an das Rosinenbrötchen vom Bäcker, das Glas Wein am Abend, die Pasta nach einem langen Tag.
Das stimmt mich nachdenklich – nicht aus moralischer Überzeugung, sondern aus therapeutischer Perspektive. Wenn die Abwesenheit eines bestimmten Lebensmittels gleichbedeutend ist mit dem Verlust von Lebensfreude, dann ist das eine Information. Über Prägungen. Über Kompensationsmuster. Über innere Zustände, die nach Regulierung suchen.
Es geht dann nicht mehr nur um Ernährung.
Wie Essgewohnheiten entstehen – und warum sie so schwer zu verändern sind
Unsere Beziehung zu Essen beginnt am ersten Lebenstag. Was wir essen, wie wir essen und vor allem, was wir dabei fühlen – all das wird über Jahrzehnte programmiert. Viele Kinder lernen früh: Süßes kommt als Belohnung. Essen tröstet bei schlechter Laune. Gemeinsame Mahlzeiten stehen für Sicherheit, Zugehörigkeit, Liebe. Daraus entstehen Muster, die ins Erwachsenenleben mitgenommen werden – oft unbewusst, oft unverändert.
Das erklärt, warum viele Menschen auf der kognitiven Ebene sehr wohl wissen, dass sie sich anders ernähren könnten. Und es trotzdem nicht dauerhaft umsetzen. Das Wissen allein ist kein Motor für Veränderung. Entscheidend ist, was emotional mit einem Lebensmittel verknüpft ist. Wer Zucker mit Geborgenheit gleichsetzt, wer Alkohol als einzige verlässliche Methode kennt, um nach einem langen Tag abzuschalten, wer mit dem Gang zum Kühlschrank eine innere Leere füllt – der kämpft nicht gegen Kalorien, sondern gegen sein eigenes Regulationssystem.
Eine Ernährungsumstellung, die diesen Kern nicht berührt, ist bestenfalls temporär.
Warum gesunde Ernährung trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt
Der Körper funktioniert nach klaren biochemischen Regeln. Blutzucker, der den ganzen Tag über stark schwankt, kostet Energie, Konzentration und oftmals auch emotionale Stabilität. Chronisch erhöhte Insulinspiegel begünstigen nicht nur die Fettspeicherung, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit Erschöpfung, Stimmungsschwankungen und Entzündungsprozessen. Alkohol reduziert die Fettsäureoxidation drastisch: Solange der Körper mit dem Abbau von Alkohol beschäftigt ist, fährt er die Fettverbrennung auf ein Minimum herunter – Fettabbau findet in dieser Zeit praktisch nicht statt. Und gleichzeitig belastet er Leber, Schlafarchitektur und das zentrale Nervensystem.
Wer dagegen lernt, seinen Blutzuckerspiegel stabil zu halten – durch eine Ernährung, die primär auf hochwertigen Eiweißquellen, Gemüse und Obst sowie gesunden Fetten basiert – berichtet nahezu ausnahmslos von mehr Energie, besserer Stimmung, klarerem Denken und einer Körperwahrnehmung, die sich fundamental verändert. Nicht nach sechs Monaten. Oft bereits nach wenigen Wochen.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob man sich etwas nimmt. Die Frage ist, ob man sich etwas gibt.
Ernährungsumstellung als psychologischer Prozess
Eine nachhaltige Veränderung der Essgewohnheiten gelingt nicht durch Willenskraft allein. Sie gelingt durch Verständnis, durch neue Erfahrungen und durch die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Mustern. Drei Ebenen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Die erste ist die Reflexionsebene. Wer sich fragt, warum er nach einem schwierigen Gespräch zum Schokoriegel greift, warum das Feierabendbier sich wie ein notwendiges Ritual anfühlt, das den Tag erst wirklich beendet – der beginnt, ein Bewusstsein für seine eigenen Auslöser zu entwickeln. Nicht um sich zu verurteilen, sondern um zu verstehen. Und aus Verstehen entsteht neue Entscheidungsfreiheit.
Die zweite Ebene ist die Neubewertung. Genuss ist keine Frage des Lebensmittels, sondern der Bewusstheit. Ein langsam gegessenes, hochwertig zubereitetes Gericht aus frischen, naturbelassenen Zutaten ist kulinarisch und sensorisch reicher als das Industrieprodukt, das man halb bewusst vor dem Bildschirm herunterschlingt. Die Sterneküche hat das längst verstanden – sie feiert die Zutat, die Zubereitung, das Handwerk. Das ist keine Attitüde, das ist ein anderes Verhältnis zum Essen.
Die dritte Ebene ist die Mentale. Neuromentales Training kann dabei eine wesentliche Rolle spielen. Visualisierungstechniken, die das zukünftige Ich mit mehr Energie und Vitalität verankern, helfen dabei, Veränderung nicht als Verlust, sondern als Richtung zu erleben. Wer sich regelmäßig innerlich in den Zustand versetzt, den er anstrebt – und diesen durch gezielte Methode vollumfassend, auch emotional, erlebt – verändert die innere Bewertung des Prozesses. Die Entscheidung für das gesündere Lebensmittel fühlt sich dann nicht mehr nach Verzicht an, sondern nach Konsistenz mit dem eigenen Selbstbild.
Lebensfreude jenseits des Tellers – und abseits des Glases
Was mich am meisten bewegt, wenn jemand sagt, ohne Alkohol, Zucker oder Weißbrot fehle ihm die Lebensfreude, ist diese implizite Einschränkung des eigenen Lebens. Lebensfreude ist etwas, das wir in uns selbst erzeugen können – durch Bewegung, durch echte Verbundenheit mit anderen Menschen, durch Präsenz, durch körperliches Wohlbefinden, durch Sinn. Nicht durch kurzfristige Dopaminschübe, die ein industriell verarbeitetes Lebensmittel ausgelöst hat und zwanzig Minuten später in Mattheit münden.
Das gilt für Alkohol in besonderem Maß. Wer ihn braucht, um abzuschalten, um gesellig zu sein, um den Abend zu genießen – der hat kein Ernährungsproblem, sondern eine Frage nach seiner Lebensgestaltung vor sich. Alkohol dämpft das Nervensystem, trübt die Wahrnehmung und erzeugt kurzfristig das Gefühl von Leichtigkeit. Was er nicht tut: echte Entspannung herstellen, echte Verbindung schaffen, echte Freude erzeugen. Er simuliert sie nur – und hinterlässt am nächsten Morgen einen Körper, der schlechter regeneriert hat, als er es ohne hätte tun können.
Essen und Trinken darf Genuss sein – und soll es sein. Genuss lässt sich jedoch auch neu kalibrieren. Ein Körper, der besser versorgt ist – mit ausreichend Nährstoffen, mit stabiler Energiezufuhr, mit Abwesenheit chronischer Entzündungsreize – fühlt sich meistens besser an. Und dieses bessere Körpergefühl ist eine eigene Form von Lebensfreude, die nachhaltiger tragen kann als jede kurzfristige Kompensation.
Die eigentliche Frage ist daher nicht, wo die Lebensfreude bleibt.
Die eigentliche Frage ist, wo sie herkommen soll.
"Fit & Gefragt" ist die Kolumne von Hannes Rehbein – Heilpraktiker, Personal Trainer und Gründer von Rehbein personal coaching. Sie erscheint regelmäßig und beantwortet Fragen aus dem Fitnessalltag – wissenschaftlich fundiert, praxisnah und ohne Halbwahrheiten.
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